Donnerstag, 4. August 2016

Fasten in Potsdamm: Du hast gute Freunde, du bist nicht allein



Hildegard Rugenstein
Pastorin
Französisch-Reformierte Gemeinde Potsdam 
Nach dem Friedensgebet After the Peace Prayer
 
Hildegard Rugenstein takes part in the fasting. Here are some thoughts, why.
With the Workcamp we have visited her. And with the fasters we participated in a peace worship in the French Reformed congregation. 

"Wir fasten solange es Atomwaffen in unserm Land gibt, jedes Jahr einen Tag mehr."
Das hat mich in der Tiefe getroffen und spontan motiviert - da mache ich mit, sofort! Die Voraussetzungen waren gut: ich wollte sowieso abnehmen - mit Fastenwochen geht das am leichtesten. Jetzt ist schon die Halbzeit erreicht, es fällt mir leicht, ich werfe Stressbalast und viele Ablenkungen nebenbei mit über Bord. Es ist meine einfachste Fastenzeit nach 20 Jahren Fastenerfahrung. Ich erzähle es in der Familie und in der Gemeinde und will Multiplikatorin für dieses Alltagszeichen sein. Das Kennenlernen der Gruppe vom Versöhnungsbund, das Wissen um die Gemeinsamkeit in diesen Tagen, macht es verbindlicher und leichter. Die Vorfreude auf die Zeit nach dem Fasten wird immer größer. Zufällig wird es der Tag sein, an dem meine beiden Enkelkinder aus der Schweiz zu Besuch kommen. Sie sind Halbphilippinas. Die Welt und Weltgeschichte am Küchentisch der Großfamilie.


Kindheitserinnerung:
Vietnamkrieg. "Du hast gute Freunde, du bist nicht allein" sangen wir im Refrain. Das Lied eines Mädchens aus Vietnam: "Vater ist im Dschungel, lang ist Mutter tot. Lie, die kleine Schwester, starb im Morgenrot. Dien, mein großer Bruder, sag, wo magst du sein... du hast gute Freunde, du bist nicht allein." Die Fotos, die ganz schrecklichen vom Krieg, hat man uns nicht gezeigt, aber die Nachrichten erzählt aus der anderen Welt da draußen hinter der Mauer, in der Kriege noch erlaubt und gewollt waren. Ich sang dieses Lied mit einer Schulfreundin aus dem Chor, zweistimmig, vor dem großen Fahnenappell. Es war absolut still. Die staunende, fragende Stille der Kinder und Lehrer kam zum Teil durch das ernste, reale Thema, und zum Teil, weil eine Pfarrerstochter ohne Pioniertuch vorne stand und Solo singen durfte. Mit gesellschaftlichen Themen und Spannungen bin ich groß geworden.

Caputh: Albert Einstein
Ich komme aus Caputh bei Potsdam. Albert Einstein hat dort vier Jahre im Sommer gelebt, das Segeln, den Ausblick und den Wald genossen, wie wir später auch. Mathe, Physik, Kernspaltung gehörten seit Schulbeginn als Thema im Alltag immer dazu. Irgendwann verstand ich die Zusammenhänge.

Gorbatschowzeit:
"Europa hatte zweimal Krieg, der dritte wird der letzte sein" sangen unsere kleinen Kinder schon, weil wir Eltern so oft das Lied hörten. Wendezeit, Sorge um den Weltfrieden - klar in Potsdam so dicht neben Westberlin, wir wohnten ganz nahe der Bomben und Raketen auf beiden Seiten, wir wussten das.
Ein Plakat aus der Friedensbewegung hat mich besonders geprägt, es hing lange an der Wohnungstür als Bekenntniszeichen: ein dicker Garbenstrauß aus Getreide - Erntezeit Anfang August - goldgelb, sah schon so schön aus wie Erntedankfest, blauer Himmel und daneben deutlich kleiner, nicht aufdringlich, aber ein Hingucker, schwarz weiß das Foto vom Atompilz in Hiroshima in ganz ähnlicher Form wie die Garbe. Grusel. Welcher Friedensspruch daneben stand, habe ich vergessen, fasten war es wohl nicht.

9. November:
Seit Jahrzehnten wird in unserer Gemeinde der Gedenktag der Pogromnacht mit der Estergeschichte aus der Bibel verbunden. Kinder, Jugendliche und Erwachsen spielen das Stück Jahr für Jahr, irgendwann merken die Jugendlichen, was für einen ernsten Hintergrund wir mit der deutschen Geschichte dazu haben. 9.11.1938.
In der Bibel bittet Ester um solidarischen Fasten: Ester 4,16: "Geh, versammle alle ...die zu finden sind, und fastet um meinetwillen: Drei Tage lang sollt ihr nichts essen und nichts trinken, weder in der Nacht noch am Tag. Ebenso werde auch ich mit meinen Dienerinnen fasten. Danach aber werde ich zum König hineingehen, auch wenn es nicht dem Gesetz entspricht. Und wenn ich umkomme, so komme ich um!"
Diese Szene ist in dem Theaterstück besonders berührend. Ester ringt um ihr Leben, die Dienerinnen hocken sich mit auf den Boden, beten, streicheln sanft ihre Schultern, stärken ihr den Rücken. Und dann geht Ester erfrischt, erleichtert, wie neugeboren zum König mit dem Risiko, ihr Leben für ihr Volk zu lassen.

Heute:
Neue Themen von Gewalt. Wir lernen unfreiwillig viel Neues und haben fast vergessen, dass es immer noch Atomwaffen in unserer Nähe gibt.
Gegen die Atomwaffen ein so persönliches Zeichen zu setzen, ist bei mir jetzt dran.

Nebenbei merke ich: Fasten macht ehrlich. Fasten befreit von Falschem. Fasten erleichtert ;-)

Unsere Straßenaktionen / Our Street Actions


You can watch here our activities at the Gedächtniskirche in Berlin.
Hier sind Aufnahmen unserer Aktionen bei der Gedächtniskirche in Berlin.




Davon habe ich nichts gewusst

Am 9. August, als die Atombombe 1945 auf Nagasaki fiel, demonstrieren vor allem junge Menschen in Büchel gegen die amerikanischen Atomwaffen. Zuvor waren sie in Berlin. Eindrücke von dort.

Von Bettina Röder

Einen kleinen Moment hat er an sich selbst gezweifelt. Uwe Mettlach sitzt auf dem Brunnenrand vor der Berliner Gedächtniskirche unweit vom Bahnhof Zoo. Um ihn herum ist der kleine Platz an diesem warmen Sommertag voller Touristen, wie auch er einer ist. Von hier aus hat der Mann aus Wiesbaden gerade eine Demonstration mit überwiegend jungen Menschen vor der Kirche beobachtet, von der er im ersten Moment dachte: „Ach je, wieder so was aus der Mode, so hat man doch schon in den 80er Jahren gegen den Atomkrieg protestiert.“ Die jungen Leute hatten sich demonstrativ vor der Kirche auf den Boden gelegt, andere malten ihre Umrisse auf das Pflaster. Doch dann wurde Uwe Mettlach hellhörig, er schüttelt ungläubig seinen graubraunen Lockenkopf: Als von den 20 amerikanischen Atombomben berichtet wird, die heute in der Eifel lagern und nun durch neue, technisch aufgerüstete ersetzt werden sollen. „Das habe ich nicht gewusst“, sagt er wieder und wieder. Und wie ihm geht es den allermeisten hier.

„Genau aus diesem Grund habe ich vor sieben Jahren diese Aktion ins Leben gerufen“, sagt Pfarrer Matthias Engelke vom Versöhnungsbund. Damals kamen gerade mal drei Menschen in Büchel, wo die Bomben lagern, zu einer Andacht zusammen. Heute steht er mit seiner schwarzen Baskenmütze und Geige inmitten der jungen Menschen. Die meisten gehören zum Internationalen Jugendwerk und sind für diese Aktion eigens aus Italien, Serbien und Russland angereist. In einem Friedenscamp in Dahlem nahe bei der Jesus Christus Gemeine haben die 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf einer großen Wiese ihre Zelte aufgeschlagen. Eingeladen zu der Anti-Atomwaffen-Aktion hat sie der Versöhnungsbund und die Friedenshütte Mutlangen.

Das Datum ist wie auch all die Jahre zuvor bewusst gewählt: Die Aktion endet am 9. August, dem Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Nagasaki. Drei Tage zuvor, am 6. August 1945, hatte die Atombombe das japanische Hiroshima in eine Geisterstadt verwandelt. „Atomwaffenfrei jetzt“, steht auf den Transparenten vor der Berliner Gedächtniskirche. Und wie auch in den letzten Jahren schon werden die Demonstranten am 9. August nach Büchel in der idyllischen Eifel reisen. Dort werden sie das 12 km umfassende militärische Gelände, auf dem die Atomwaffen lagern, umkreisen. Für einige der 15 Demonstranten ist dann auch die „Fastenaktion für eine atomwaffenfreie Welt“ zu ende.

In Berlin haben sie auch mit Bundestagsabgeordneten, den Abgeordneten des Brandenburger Landtags, den Botschaften von Atomwaffenstaaten und dem Auswärtigen Amt Gespräche über die nukleare Abrüstung geführt. „Die Stimmung der Politikerinnen und Politiker ist gerade recht resignativ“, sagt Wolfgang Schlupp-Hauck von der Friedenshütte Mutlangen. Da gibt ihm das rege Interesse an dem Thema hier vor der Kaiser-Wilhelm- Gedächtniskirche neuen Auftrieb. Gerade erklärt Silvio aus Italien einer Gruppe junger interessierter Chilenen, dass es hier in Berlin noch einen besonderen Abend gibt: im Volkspark Friedrichshain wird inzwischen alljährlich am 5. August um 21 Uhr - dem Vorabend des Bombenabwurfs auf Hiroshima - die Friedensglocke angeschlagen. Gespendet wurde sie von der Friedensglockengesellschaft Tokio. Und wie jedes Jahr wird das Geläut von Menschen mit vielen brennenden Kerzen begleitet.

Die 22-Jährige zierliche Maria Ines aus Santiago de Chile mit dem blonden Pferdeschwanz und dem großen Rucksack auf dem Rücken hat indes vor der Gedächtniskirche noch viel zu tun. Sie kniet auf dem Pflaster. „Stopp War“ heißt ihr großes farbiges Bild, das die Grafikstudentin gerade malt. Dorthin, wo noch kurz zuvor die Kreideumrisse der Demonstranten zu sehen waren.


Bettina Röder, Redakteurin Publik Forum
 

Gespräche in Botschaften

Vor dem Workcamp hatte ich alle Botschaften von Atomwaffenstaaten und Staaten, die Atomwaffen in nuklearer Teilhabe beherbergen angeschrieben und um einen Gesprächstermin gebeten. Eingeladen wurden wir in die russische und niederländische Botschaft sowie in das Auswärtige Amt.

Before the Workcamp I had contactedc all embassies of nuclear weapons states and contries, which host US nuclear weapons. We were invited by the Russian Embassy and the Embassy of the Netherlands.

Niederländische Botschaft










Russische Botschaft























Bad times for nuclear Aboltion
We learned that the INF-Treaty is in danger. The US and Russia accuse the other side not to be compliant with the treaties regulations. There are no official talks so far. Germany should get active in this field, as those weapons would aim to Germany. But we heard also that there is will for dialog.
Zurzeit schlechte Karten für die Abrüstung
Der INF-Vertrag, die Verschrottung der atomaren Mittelstreckenraketen Pershing II und der nuklearen Cruise Missiles regelte ist in Gefahr. Die USA werden Russland Vertragsbruch vor, ohne diesen genau zu belegen. Im Gegenzug prangert Russland ebenfalls Waffenentwicklungen in den USA an, die den Vertrag unterlaufen könnten. Vertrauensbildenden Gespräche finden dazu keine statt. Deutschland könnte hier aktiv werden, denn wenn der Vertrag zusammenbräche, würden wieder Waffen gebaut, die uns zum atomaren Schlachtfeld machen könnten. In diesem Zusammenhang wurde uns deutlich, dass Büchel und die anderen Stationierungsorte Ziele russischer Atomwaffenplanungen sind.
In den Nachbesprechungen fiel uns auf, dass von der Bedrohung von NATO-Staaten gesprochen wurde, ohne die Osterweiterung der NATO zu erwähnen, geschweige denn die gebrochene Zusage, dies zu unterlassen. Unsere beiden russischen Studentinnen fragten immer wieder, „Woher kommt die Sorge, vor einer russischen Bedrohung“. Deutlich wurde uns aber auch, dass Wille zum Dialog, trotz anderer Rhetorik auch vorhanden ist. Dieser muss gestärkt werden.

Mittwoch, 3. August 2016

Gespäche im Bundestag

Gruppenfoto mit Inge Höger, Bundestagsabgeordente der LINKEN.

In the Bundestag we had opportunities to speak with Inge Höger Member of Parliament, and advisors to  Ute Finckh-Krämer (SPD) as to Agnieszka Brugger (Greens). We realized the  times for disarmament ar today bad.


Workcamp mitten in der Abrüstungspolitik
Wir konnten im Bundestag mit der Abgeordneten Inge Höger von der LINKEN und Mitarbeitern der SPD-Abgeordneten Ute Finckh-Krämer sowie der GRÜNEN Agnieszka Brugger sprechen. Wir bekamen so ein Bild wo der Unterausschuss Abrüstungs-, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung des Bundestages steht.
Die Gespräche waren für alle höchst interessant, aber auch ernüchternd. Von der Aufbruchsstimmung, die im überparteilichen Bundestagsbeschluss von 2010 zum Ausdruck kam, dass Deutschland atomwaffenfrei werden soll und der Vision einer atomwaffenfreien Welt ist nichts mehr zu spüren. Zwar betonten alle Gesprächspartner, dass sie das Ziel die Abrüstung aller Atomwaffen unterstützen, aber es zu erreichen sei ein weiter Weg. Deutlich wurde, dass die Atomwaffen in der internationalen Politik, wieder eine stärkere Abschreckungs- und Drohfunktion erhalten. In letzter Zeit gelang es den Atomwaffenstaaten nicht, wirkliche Schritte zur Abrüstung zu gehen, sondern die Atomwaffen werden technisch aufgerüstet. Keiner der Atomwaffenstaaten beteiligt sich aktiv an der Open Ended Working Group, welche Vorschläge für die UN-Generalversammlung erarbeiten soll. Deutschland ist zwar dabei, stellt sich aber gegen die Überlegungen mit Verhandlungen über ein Atomwaffenverbot zu beginnen und hält weiter an der Schritt für Schritt – Politik fest. Dabei wird der Schwarze Peter hin und her geschoben. Russland will nächste Abrüstungsschritte nur multilateral also nicht nur mit den USA gehen, Deutschland macht Abrüstungsfortschritte zwischen den USA und Russland zur Voraussetzung, dass über die Atomwaffen in Deutschland verhandelt wird. Erschreckt waren wir zu hören, dass es vermehrt Stimmen gibt, welche die Atomwaffen als notwendige Sicherheitsgarantie rechtfertigen. Der technischen Aufrüstung der Atomwaffen in Büchel, wird von der Bundesregierung kein Widerspruch entgegengesetzt.

Dienstag, 2. August 2016

Thesen zur Fastenaktion

  1. Im Kampf gegen Atombomben sind Soldaten unsere potentiellen Verbündeten.
    Wie findet das seinen Ausdruck?
    Das betrifft auch die eigene Umkehr, indem Amt und Person sowie die Institution Bundeswehr und die sie verkörpernden Personen getrennt und für sich wahrgenommen werden.
  2. Das Arbeitsplatz-Argument enthält einen bislang ungenutzten Spielraum:
    Es ist nicht automatisch ein Argument für den Erhalt der Atomwaffen.
    Es lässt außerdem offen, dass bei anderen oder besseren Arbeitsplätzen die Zustimmung zum Atomwaffenlager als Arbeitgeber schwinden kann.
  3. Fasten und ziviler Ungehorsam sind Geschwister.
    Sie gehören zusammen und leben getrennt. Es ist gut, wenn sie hin und wieder zusammen kommen. Das Fasten macht den Ernst deutlich, worum es geht; der zivile Ungehorsam die Dringlichkeit, dass sich etwas ändern muss - bei den Soldaten, bei Politikern, in der Öffentlichkeit, bei uns etc.
     
  4. Wie schützen wir uns vor Allmachtsphantasien des Aktivismus und vor Ohnmachtsanfällen des Grauens?
    Die Ohnmachtsanfälle können zum Verteufeln der Streitpartner führen, d. h. diejenigen, die das Atomregime unterstützen werden verteufelt.
    Allmachtsphantasien - also der Eindruck, die Aufgabe, vor der wir stehen, könnte in kurzer Zeit bewältigt werden - führt dazu, seine Macht zu verlieren, weil zu leicht übersehen wird, was jetzt schon möglich ist - und was notwendig ist für die nächsten und übernächsten Schritte, die ohne ihre Vorgänger nicht möglich sind. Allmachtsphantasien füttern auf heimtückische Weise nur die Ohnmachtsgefühle.
    Wir leben aus der Kraft der Hoffnung.
Matthias-W. Engelke - Berlin-Dahlem, den 2. August 2016