Samstag, 6. August 2022

Fastenaktion in Berlin am Hiroshimatag 2022

Am Freitagabend trudelten die Mitakteurin und Mitakteure zum Abschluss der Fastenaktion in Berlin im Volkspark Friedrichshain aus allen vier Himmelrichtungen (London, Dijon, Emden, Köln, Berlin) zusammen. Am Abend trafen wir uns zur Kerzennacht an der Hiroshima-Weltfriedensglocke.
Sie ist ein Geschenk der japanischen Weltfriedensglockengesellschaft in Tokio und wurde aus gespendeten Münzen aus mehr als 100 Ländern gegossen. Zum 50. Jahrestag des Beginns des 2. Weltkrieges erklang sie zum ersten Mal am Antikriegstag, den 1. September 1989 mit einem Glockenschlag, angestoßen zugleich von einer Deutschen und einer Japanerin.


 

Die Gedenkfeier begann um 10.00 Uhr mit Grußworten des stellvertretenden Bezirksbürgermeister und wir hörten den Vortrag des Historikers Prof. Dr. Peter Brandt, Sohn von Willy Brandt. Für mich war der Höhepunkt das Wort einer japanischen Schülerin aus Fukushima, die mit einer kleinen Delegation ihrer Schule und ihrem Deutschlehrer anlässlich dieses Tages nach Berlin gekommen war. Sie hatte die dreichfache Katastrophe von Fukushima 2011 - Erdbeben, Tsunami und Havarie des Atomkraftwerkes - als Fünfjährige erlebt. Sie berichtete, wie aus Angst vor radioaktiver Verstrahlung Freundinnen von ihr Abstand nahmen, die sie nie mehr wiedersah.
 
In einem kurzen Redebeitrag skandalisierten wir, dass das Kriegsverbrechen der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki bis heute gerichtlich nicht verfolgt worden ist.

Im Anschluss fuhren wir zur Mahnwache zur amerikanischen Botschaft am Brandenburger Tor. Es waren viele Menschen dort und immer wieder ergaben sich intensive Gespräche mit Interessierten.
Als wir uns darauf vorbereiteten zur russischen Botschaft - nur wenige hundert Meter von dort entfernt - aufzubrechen, bauten sich Reichsdeutsche neben uns auf und begannen mit großen Fahnen der preußischen Reichsflagge die erste Strophe der Nationalhymne aus Lautsprechern abzuspielen.
Wenn das zunimmt, stelle ich mir vor, wie daneben die Brecht-Hymne von möglichst vielen live und laut gesungen wird, Lieder aus aller Welt erklingen und dazu getanzt wird.

Vor der russischen Botschaft breiteten wir Flaggen aller Länder aus, die den Atomwaffenverbotsvertrag ratifiziert hatten, ein Geschenk des seit dem 24. Juli mitfastenden Serge Levillayer vom Mont St. Michel.
Uli Sonn, Berlin, hält Plakate auf Russisch und Deutsch: "No War", "Diplomatie jetzt!" und "Waffenstillstand jetzt" und erhielt dafür viel Zuspruch. Hinter ihm die Reihe mit den Flaggen der Ratifizieurngsstaaten.



Zuletzt hielten wir eine Mahnwache vor dem Bundeskanzleramt.
 




Mittwoch, 3. August 2022

Das sich ausweitende Fasten bis zum Abzug aller Atomwaffen - Zur Vorgeschichte der Fastenaktion

Schon lange fasten Menschen in der ganzen Welt in der Zeit vom 6. bis zum 9. August in Erinnerung an die Zerstörung Hiroshimas und Nagasakis durch Atombomben der Vereinigten Staaten von Amerika an diesen Tagen 1945, aus Solidarität mit den notleidenden Opfern und ihren Hinterbliebenen und zur Mahnung für eine atomwaffenfreie Welt.

 

Das Fasten lernte ich auf einem ganz anderen Weg kennen. Im Protestantismus groß geworden wusste ich nichts von kirchlichen Fastentagen. Ich wusste, dass es Katholiken gab, die fasteten, konnte im Alltag aber keine gravierenden Unterschiede zu den sonstigen Gewohnheiten feststellen. Zu fasten, vollständig auf Zeit auf alle Nahrung zu verzichten, erschien mir als absurd. Von Gandhi vernahm ich zwar, dass er regelmäßig und zu verschiedenen Anlässen fastete, dies ordnete ich dem hinduistisch geprägten Kulturraum zu und machte es für mich damit bedeutungslos.

 

1985/86 studierte ich neun Monate zu Sören Kierkegaard in Kopenhagen. Im kopenhagener Christlichen Verein junger Menschen lernte ich einen jungen Mann kennen – wobei ich nur wenig älter war – der mir begeistert von seinen Erfahrungen eines dreitägigen Heilfastens erzählte und mich dazu ermutigte, auch solch eines zu halten. Ich lehnte dies rigoros ab. Merkte aber, wie es mich dennoch interessierte. Nach mehreren Monaten entschloss ich mich dann dazu ein dreitägiges Fasten zu halten – außer Wasser und Tee sonst nichts zu mir zu nehmen. Aus Angst vor dieser Zeit aß ich am Vortag vor Beginn des Fastens, was ich nur essen konnte. Ich ging an Bäckereien vorbei und verspürte eine unsägliche Lust, sie zu entern und zu überfallen. Ich kam meiner Esssucht auf die Spur und war darüber überrascht. Suchtähnliche Strukturen hatte ich in meiner Familie verschiedene ausgemacht – Alkohol, Nikotin, Drogen – sah mich aber selber weit davon entfernt. Jetzt musste ich mir eingestehen, dass solche Abhängigkeitsstrukturen, die mir mein Wohlbefinden garantieren sollten, sich bei mir selbst befanden. Ich war dankbar für diese Erfahrung. Sie bewahrte mich auf diesem Weg auch vor einer Kaffeeabhängigkeit – meine Kaffeemaschine verschenkte ich und gewöhnte mir an morgens keine Gewohnheit zu haben, was ich regelmäßig trinken. Noch in der Zeit in Kopenhagen hielt ich ein zweites dreitägiges Fasten.

 

Meine nächste Erfahrung mit Fasten machte ich mehrere Jahre später, als ich bereits während meiner Zeit als Militärpfarrer in der Bundeswehr meine Wende zur Gewaltfreiheit (wieder) gefunden hatte und Mitglied des deutschen Zweiges des Internationalen Versöhnungsbundes geworden war. Ich erhielt eine Mail, die um geistliche Unterstützung für eine Delegationsfahrt des Versöhnungsbundes nach Israel/Palästina zu der Zeit bat, als die Nachrichten über palästinensische Selbstmordattentate in Israel fast täglich die Schlagzeilen bestimmte, April 2002. Die Unterstützung, so die Bitte, solle darin bestehen, während der Zeit, die die Gruppe in Israel/Palästina ist, zu fasten und zu beten und dies der Gruppe mitzuteilen. Es war eine Reise von 8 Tagen. Ich fragte zuvor meine Hausärztin, was sie davon hielte. Sie ermutigte mich dazu und berichtete mir von den aufschlussreichen Erfahrungen mit Heilfasten bei übergewichtigen Hafenarbeitern, die während ihrer Arbeit auf die gleiche Weise fasteten: Keine Nahrung, sondern nur Getränke zu sich nehmen. Während dieser acht Tage erlebte ich zum ersten Mal, wie sich mein Körper auf das Fasten einstellt: Völlig anders als beim ersten Mal in Kopenhagen konnte ich nun mit der Familie am gedeckten Küchentisch sitzen und für mich problemlos fasten. Ich fand ein Gebet, das mich noch später viele Jahre begleitete.

 

Im gleichen Jahr stieg ich in die aktive Arbeit im Kampf gegen Atomwaffen ein. Ich lernte Menschen im Umfeld des Atomwaffenlagers Büchel kennen, die sich z. T. schon lange dieser Aufgabe gewidmet hatten. Durch meine Anregung entstand der Initiativkreis gegen Atomwaffen, der mit sieben jeweils einmal jährlichen Umrundungen um das Atomwaffenlager – „Jericho in der Eifel“ – auf sich aufmerksam machte. Die letzte siebte Umrundung 2008 war eingebettet in eine einwöchige großangelegte Veranstaltungsreihe rund um das Atomwaffenlager mit einer abschließenden Veranstaltung mit Nina Hagen als Hauptkünstlerin auf der Bühne. 

 


Noch nie kamen soviele Menschen aus ganz Deutschland zu dieser Schlussveranstaltung mit über 2.000 Menschen. Wie sollte es danach sinnvoll weitergehen? Für den Sommer 2009 lud ich zu einem breitangelegten „Rosen-Go-In“ in das Atomwaffenlager ein. Wir waren am Ende mit mir drei Aktivistinnen und Aktivisten, die sich im Rahmen eines Dauercamps in der Nähe vom Atomwaffenlager darauf vorbereiteten.  Schließlich betraten wir mit Rosen in beiden Händen an der Wache vorbei das Verwaltungslager zum Atomwaffenlager Büchel in Cochem-Brauheck, folgten den Anweisungen der Soldaten, ließen uns von der Polizei in Gewahrsam nehmen und unsere Personalien feststellen. Dies war meine erste und bislang einzige Aktion zivilen Ungehorsams. Anfang 2010 wurde ich wegen Hausfriedensbruch zu einer dreistelligen Geldzahlung für einen gemeinnützigen Zweck – hier die Tafel von Cochem-Zell – verurteilt. Dies war die geringstmögliche Strafe, da der Richter vermeiden wollte, einen Pfarrer mit Gefängnisstrafe zu verurteilen. Es war das erste Mal, dass der Richter so verfuhr. Diese Aktion wurde ohne viele Worte verstanden und die gerichtliche Verurteilung erntete auch in meiner Kirchengemeinde viel Kopfschütteln. Und wie sollte es weitergehen?

 

Jedes Mal, wenn ich mich dem Atomwaffenlager Büchel näherte, empfand ich das gleiche Unbehagen an einem Ort zu sein, der vor Todesdrohung nur so starrt, im krassen Gegensatz zur Landschaft, den Bäumen, dem Licht und dem Wind, wenn man unterm Ahornbaum am Haupttor zum Atomwaffenlager steht. Stets neu überfällt mich eine Wahrnehmung von Ohnmacht die sich im absoluten Gegensatz zum Allmachtswahn sieht, die die Atomwaffen verkörpern.

 

Ich las davon, dass ein Friedensaktivist im Osten Deutschlands, aktiv im Kampf gegen einen Truppenübungsplatz der Bundeswehr, „Bombodrom“, jedes Jahr für sich vom 6. bis zum 9. August fastete. Das brachte mich auf die Idee, die Ohnmacht umzukehren: Aus der Verschlossenheit, die Ohnmacht bewirkt, an die Öffentlichkeit; heraus aus der Untätigkeit, zu der Ohnmacht verführt, in die Tat; weg von der Gewaltverführung, die Ohnmacht mit sich bringt, hin zur gewaltfreien Aktion: Die Idee zum öffentlichen Fasten war geboren. Mir war klar, wie nötig es ist, dass mehr geschieht, dass mehr Menschen auf die Straßen gehen und gegen die Atomwaffen protestieren. Dass Soldaten bekennen, dass sie mit Atomwaffen nichts zu tun haben wollen. Dass bislang Unbeteiligte entdecken, dass sie sehr wohl etwas mit Atomwaffen zu tun haben – eine Bedrohung, die jetzt während des Ukrainekrieges nicht mehr abstrakt ist und als „Atomkrieg aus Versehen“ schon immer bestand und besteht.

 

Um dieses durch die Art der Aktion deutlich zu machen, entstand das sich ausweitende öffentliche Fasten, das jedes Jahr einen Tag länger dauert, indem es einen Tag eher anfängt und am 9. August endet, solange, bis die Atomwaffen der Vereinigten Staaten von Amerika aus Deutschland abgezogen worden sind.

 

Schon während der ersten drei Fastenaktionen entstand durch Wolfgang Schlupp-Hauck, Schwäbisch-Gmünd, ein Kontakt zu einer französischen Fastengruppe, die in Paris mit gorßer Unterstützung vom 6.-9. August fastet. Wolfgang Schlupp-Hauck hat selber in einem Jahr daran teilgenommen und er berichtete davon.

 

2017, bei der 8. Fastenaktion, kam dann Serge Levillayer vom Mont St. Michel dazu. Er fastete die ganze Zeit mit und begleitete das Fasten von Anbeginn in Schwäbisch-Gmünd an. Seitdem fastet er das sich ausweitende Fasten mit. 2019 ließen wir das Fasten bei ihm am Mont St. Michel beginnen. Von ihm erfuhr ich, warum er schon seit Jahren in der Zeit vom 6. bis 8. August gefastet hat:

 

Trotz aller Proteste ging 1983 das nukleare Wettrüsten weiter. Am 6. August 1983 traten elf Menschen, denen sich im Verlauf sieben weitere anschlossen, an sechs verschiedenen Orten in den Vereinigten Staaten von Amerika, in Frankreich, in Kanada, Deutschland, Österreich und der Schweiz in ein unbefristetes Fasten, das sie „Fasten für das Leben“ nannten. „Adressaten des Fastens waren zum einen die Fastenden selbst. Denn ihnen graute vor dem Bösen in Gestalt der Atomwaffen, ihrer Drohung und Anwendung und vor dem Bösen, das ‚… im kleinen in jedem … Wurzeln‘ schlage. Zum anderen waren alle Menschen angesprochen, die leben wollten, vor allem Militärs und Politiker.“[1] Mit dabei waren u. a. in Bonn Gerd Bünzley und Roland Vogt, in Österreich Dietmar Schönherr. Freundinnen und Freunde der Fastenenden in Paris, London und New York, so berichtete Serge Levillayer, sind während ihres Fastens an sie herangetreten und machten ihnen deutlich, dass sie Gefahr laufen, ihr Leben zu verlieren. Dies wollten sie nicht einfach hinnehmen und auch zugleich ihr Anliegen nicht schmälern. So versprachen sie jedes Jahr vom 6-8. August, vom Hiroshimagedenktag bis zum Nagasakigedenktag zu fasten mit der Forderung, dass alle Atomwaffen abgeschafft werden. Darauf ließen sich die Dauerfastenenden schließlich ein und beendeten ihr Fasten. Es war i. Ü. Roland Vogt, von dem ich von seinem regelmäßigen Fasten vernommen hatte.

 


Als im letzten Jahr in Berlin ein unbefristeter Hungerstreik für das Klima ausgerufen wurde, war dies der Anlass aus Solidarität für vier Tage mitzufasten und den Beteiligten diesen Hungerstreikes einen Brief zu schreiben und sie – aus den Erfahrungen mit den unbefristeten Fastenenden von 1983 heraus – zu bewegen zu einem befristeten Fasten überzugehen, s. https://www.versoehnungsbund.de/2021-09-26-unterstuetzung-der-anliegen

 

 

 

 



[1] Russmann, Paul: Fastenaktion heute. Wissenschaftliche Hausarbeit. Münster, 1985. Bislang unveröffentlicht, S. 51.

Die Leidenschaft für das Leben - Brief an Freundinnen und Freunde der Fastenaktion

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,

die 13. Fastenaktion bis zum Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland ist keine Massenbewegung, ganz im Gegenteil. Von Anfang an, vom 24. Juli abends an, fasten Serge Levillayer, Mont St. Michel, Lothar Eberhardt; Berlin und ich.  Vom 6.-8. August werden wir mit Freunden der internationalen Fastenaktion aus Frankreich und Großbritannien in Berlin gemeinsam fasten und dort, s. das bereits versandte Programm, Mahnwachen vor allen atomwaffenführenden Staaten sowie dem Bundeskanzleramt halten.

Es gibt viele Arten zu fasten. Ich lehne mich an die Art und Weise an, wie Gandhi gefastet hat: Ich verzichte auf alle Nahrungsmittel und trinke viel. Täglich eine Zitrone und eine Elektrolytenlösung halten den nötigen Stoffwechsel aufrecht. Falls Magnesiummangel auftritt hilft eine Brausetablette und zweimal habe ich mir inzwischen einen Löffel Honig gegönnt. Die Gründe auf diese Weise zu fasten sind eher pragmatisch: Es erspart mir das Nachdenken darüber, was jetzt noch zu essen möglich sei oder nicht (unter soundsoviel Kalorien täglich etc.) Ich habe, seitdem ich es das erste Mal so gehalten habe, mit dieser Art gute Erfahrungen gemacht und – bislang - keinen Anlass es zu ändern.

Dieses Fasten hat für mich eine existentielle und zugleich gesellschaftliche Bedeutung. Es ist meine Art, wie ich auf mehrere äußerst erschreckende und zusammenhängende Entwicklungen antworte:

- die Bedrohung der Menschheit und allen Lebens durch den Bau, die Anwendung und Androhung von Atombomben,

- die Missachtung des geltenden Völkerrechts auch von meiner Bundesregierung, die den Tenor des Gutachtens des Internationalen Gerichtshofes von Den Haag vom 8. Juli 1996 zur Androhung und Anwendung von Atomwaffen bis heute verachtet,

- die Missachtung des Nichtverbreitungsabkommen durch die deutsche Bundesregierung und die fünf mit Vetorecht ausgestatteten Atommächte, die entgegen der darin eingegangenen Verpflichtung alle Atomwaffen auf null abzurüsten nichts in diese Richtung getan haben; sie haben im Gegenteil mitverursacht, dass es inzwischen neun atomwaffenführende Staaten gibt,

- der Krieg in der Ukraine, der hätte verhindert werden können, wenn der Perspektivwechsel vollzogen worden wäre, die Lage auch einmal mit russischer Brille zu sehen: Eine neutrale Ukraine mit einer Anbindung an die EU nach dem Vorbild der Schweiz wäre für niemanden eine Katastrophe; die vielen seit Beginn des Krieges ums Leben gekommenen Zivilisten und Soldaten auf beiden Seiten hingegen schon,

- das Sterben von weltweit jährlich ca. 30.000 bis 40.000 Menschen, vor allem Kinder, weil sie nicht rechtzeitig sauberes Wasser und Medikamente erhalten und dies, nicht weil die Mittel dafür nicht zur Verfügung stünden, sondern weil der politische Wille dazu fehlt; Geld und Gaben, die für das Militär  und speziell für Atomwaffen zur Verfügung stehen, fehlen im Einsatz für das Leben,

- die Gleichgültigkeit, mit der die Mehrheit der deutschen und europäischen Bevölkerung die Bedrohung des Lebens durch Atomwaffen hinnimmt,

- die Routiniertheit, mit der Soldaten ihren Dienst in der Bundeswehr leisten und sich bislang mit wenigen Ausnahmen weigern offen gegen Atomwaffen Stellung zu beziehen; die interne Ablehnung scheint – vielleicht auch durch diese Fastenaktionen – gestiegen zu sein; entscheidend ist jedoch die faktische Ablehnung, die niemand im Voraus weiß; die sicherste Variante ist es jedoch, überhaupt nicht über Atomwaffen zu verfügen,

- die Profiteure und Profiteurinnen dieser Entwicklungen, die mit ihrer Macht, ihren Beziehungen und ihrem Wissen verhindern, dass sich an dieser Situation etwas ändert.

 

Diese, jede für sich bereits bei rechter und ruhiger Betrachtung bereits zu Tode erschreckenden Entwicklungen, kann ich seitdem ich Militärpfarrer in der Bundeswehr war und zu meinem Bereich die Kommandozentrale in Birkenfeld für das atomar bestückte Jagdbombergeschwader 33 in Büchel gehörte, nicht mehr aus meinem Leben verdrängen. Ich verspüre todbringende Kräfte, die nicht nur mich, sondern die ganze Welt bedrohen.

 

Diesen todbringenden Kräften setze ich die Leidenschaft für das Leben entgegen. Das bedeutet für mich, sich allein gewaltfrei mit den todbringenden Kräften auseinander zu setzen. Diese Leidenschaft für das Leben rührt für mich von Jesus von Nazareth her. Durch das, was von ihm überliefert wurde, ist mir deutlich geworden, dass das Leben nicht vom Tod begrenzt wird – das würde allen todbringenden Kräften eine gewisse Legitimation verschaffen -, sondern dass der Tod vom Leben begrenzt wird: Denn Leben kommt vom Leben. Die Botschaft vom Leben Jesu und seinem Wirken, von seiner Hinrichtung und seiner verwandelnden körperlich-leiblichen Gegenwart als Kreis seiner Freundinnen und Freunde, haben mich dafür empfänglich gemacht, mich mit diesen genannten todbringenden Kräften auseinander zu setzen. Ich bringe in Anschlag, was Jesus bewegt hat, Menschen aufzurufen, Gewalt zu unterbrechen – „tut Buße“ – umzukehren und anders und neu anzufangen – „denn das Himmelreich ist nahe herbei gekommen“. Das ist das Wirken der Güte.

 

Die Leidenschaft für das Leben äußert sich darin, dass ich durch dies politische Fasten ins gesellschaftliche Aus trete. Essen und Trinken gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Sie haben gesellschaftliche Bedeutung. Sie tragen mit dazu bei, eine Grundsolidarität aller miteinander innerhalb dieser Gesellschaft erlebbar zu machen.

 

Der Ausschluss hungernder Menschen, der durch Krieg und Aufrüstung praktizierte Ausschluss von Menschen, die Verunmöglichung von einem Leben ohne die tägliche Bedrohung durch Atomwaffen – diese todbringenden Ausschlussmechanismen werden mit dem öffentlichen Fasten sichtbar. Das Betreten des gesellschaftlichen Aus kennzeichnet die benannten alltäglichen Gewohnheiten als todbringend.

 

Es wird deutlich, dass es etwas gibt, das wichtiger ist als Essen und Trinken, nämlich die Leidenschaft für das Leben, die Ermutigung Gewalt zu unterbrechen – „tut Buße“ -, umzukehren und in Gemeinschaft neu und anders anzufangen.

 

Fastenzeiten in vielen verschiedenen Weisen sind in vielen Religionen üblich. Sie finden zu bestimmten Zeiten und in Gemeinschaft statt. Die damit wahrgenommene Auszeit wird begrenzt durch ein abschließendes Fest. Das Fest, das wir mit diesem politischen Fasten erstreben, ist der Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland.

 

Damit unterscheidet sich dieses Fasten auch grundlegend und im Detail von einem Hungerstreik. Dieser übt Zwang aus, indem die Durchsetzung einer Forderung von der Fortexistenz des eigenen Lebens abhängig gemacht wird, die Verweigerung dieser Forderungen mit dem bewusst in Kauf genommenen Ende des eigenen Lebens verknüpft wird.

 

So verständlich dies im Einzelfall sein mag – s. Klimahungerstreik 2021 in Berlin und Brief der Fastenaktion an die Klimastreikenden[1] – es ist nicht gewaltfrei und steht in Gefahr die Leidenschaft für das Leben zu verlieren.

 

Solch ein Hungerstreik vermag u. U. viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Es bleibt fraglich, inwieweit auch die Motivationskerne erreicht werden, warum Menschen so und nicht anders handeln. Genau diese Motivationskerne werden mit dem Fasten anvisiert: Dass Menschen von sich aus sich von der Gewalt der todbringenden Kräfte abkehren und die Leidenschaft für das Leben in ihrem Leben wirken lassen.

 

Während dieser Fastenaktion ist mir zusätzlich deutlich geworden: Der Gewaltglaube, der Glaube sich mit Gewalt verteidigen zu müssen und zu meinen, mit Gewalt Probleme „lösen“ zu können, hat Suchtcharakter. Gewalt ist gesellschaftlich tief vor allem in den Familien verankert. Es ist in meinen Augen verhängnisvoll, dass in der Diskussion um Gewalt zwar die individuelle, strukturelle und kulturelle Gewalt in den Blick genommen wird, aber nicht die familiäre Gewalt, die mit allen dreien zu tun hat und doch etwas Eigenes ist. Die familiäre Gewalt und ihre Überwindung wird m. W. menschheitsgeschichtlich zum ersten Mal im Alten Testemant in der Jakob-Esau-Novelle, 1. Buch Mose Kapitel 25,19-33 thematisiert. Gewaltfreiheit in der Familie hat darum enorme gesellschaftliche Auswirkungen. Zusätzlich gibt es gesellschaftlich-politische Strukturen, Abhängigkeiten von der Rüstungsindustrie, die daran interessiert sind, dass diese ihre Waffen verkaufen kann und bei jedem Krieg die Profite höher schraubt. Diese doppelte Verankerung des Gewaltglaubens, in der Familie und in der Gesellschaft, führen m. E. zu einer suchtartigen Abhängigkeit: Man benötigt die Gewalt für sein eigenes Wohlbefinden. Ohne einen Gewaltentzug – um im Bild der Suchtbehandlung zu sprechen -, einen Gewaltentzug in der familiären Gewalt und einen Gewaltentzug im gesellschaftlich-politischen Raum, wird es kaum gehen. Wie dieses gestaltet werden kann, ist mir gegenwärtig noch unklar.  Zu solch einem Entzug ist aber erfahrungsgemäß erst dann die Bereitschaft da, wenn ein Zusammenbruch voraus gegangen ist. So wie es Thornton Wilder in seinem Theaterstück „Wir sind noch einmal davongekommen“ schildert, in dem nach jedem Krieg die Überlebenden schwören „Nie wieder Krieg“, aber kurze Zeit später den nächsten vorbereiten. Wenn diese familiär-gesellschaftliche Gewaltsucht nicht durch einen Gewaltentzug durchbrochen wird, ist es m. E. kaum möglich, hier dauerhaft etwas zu verändern. Es sei denn, wir finden dennoch Wege, damit anzufangen. Das Thema der 12. Fastenaktion des vergangenen Jahres „Unterbrechen von Gewalt- Tut Buße! Kehr um!“ ging auch schon in die Richtung dieser Thematik.

 

Was jetzt aber schon möglich ist, ist, dass Menschen, die der Gewalt absagen, sich zusammentun und sich darüber austauschen, wie ihr Gewaltentzug aussah. Von Jesus wird überliefert, dass er – bevor er öffentlich auftrat – sich 40 Tage in die Wüste zurückzog und dort fastete. Ich verstehe dies als vollständigen Gewaltenzug, eine Entgiftung von allem Todbringenden.

 

Eine Chance dazu kann auch diese Fastenaktion sein, im persönlichen, gesellschaftlichen und internationalem Bereich, mit der Leidenschaft für das Leben dem Todbringenden zu wehren.

 

Ich wünsche Euch eine gute Zeit!
Euer Matthias

 

Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 3. August 2022, am 10. Fastentag der 13. Fastenaktion bis zum Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland, fastenkampagne.blogspot.com https://padlet.com/distelwenk/p2w8c334jlemy4wv


Dienstag, 2. August 2022

Solidaritätsaktion in Nettetal: Sonntag, den 7. August um 12.00 Uhr, Lambertimarkt Nettetal-Breyell

 

Am Sonntag, den 7. August findet in Nettetal auf dem Lambertiplatz in Breyell eine Solidaritätsaktion statt. In der Einladung dazu heißt es:

"Wir reden, hören, schweigen, singen, musizieren gemeinsam. Wir erinnern uns an den 06.08.1945, an dem die erste Atombombe eine Stadt, Hiroshima, in Schutt und Asche legte. Wir gedenken all der hundertausenden Menschen, die damals qualvoll umkamen. Wir denken an die Menschen, die unter Kriegen, Armut, Gewalt und Ungerechtigkeit weltweit leiden. Wir fordern sofortigen Waffenstillstand in der Ukraine, Abschaffung aller Atomwaffen und Unterzeichnung des Atomwaffenverbotsvertrages von allen Regierungen, insbesondere der Bundesregierung."

Montag, 1. August 2022

Fastenaktion in Bracht

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die 13. Fastenaktion bis zum Abzug aller Atomwaffen in Deutschland machte am 8. Fastentag Station in Bracht, bei Ehepaar Ingrid und Klaus Gockel. Beide unterstützen die Forderungen der Fastenaktion.