die 13. Fastenaktion bis zum Abzug aller Atomwaffen aus
Deutschland ist keine Massenbewegung, ganz im Gegenteil. Von Anfang
an, vom 24.
Juli abends an, fasten Serge Levillayer, Mont St. Michel, Lothar
Eberhardt; Berlin
und ich.
Vom 6.-8. August
werden wir mit
Freunden der internationalen Fastenaktion aus Frankreich und
Großbritannien in Berlin gemeinsam fasten und dort,
s. das bereits versandte Programm, Mahnwachen vor allen
atomwaffenführenden
Staaten sowie dem Bundeskanzleramt halten.
Es gibt viele Arten zu fasten. Ich lehne mich
an die Art und
Weise an, wie Gandhi gefastet hat: Ich verzichte auf alle
Nahrungsmittel und
trinke viel. Täglich eine Zitrone und eine Elektrolytenlösung
halten den
nötigen Stoffwechsel aufrecht. Falls Magnesiummangel auftritt
hilft eine Brausetablette und zweimal habe ich mir inzwischen
einen Löffel Honig gegönnt. Die Gründe auf diese Weise zu fasten
sind eher
pragmatisch: Es erspart mir das Nachdenken darüber, was jetzt noch
zu essen möglich sei
oder nicht (unter soundsoviel Kalorien täglich etc.) Ich habe,
seitdem ich es
das erste Mal so gehalten habe, mit dieser Art gute Erfahrungen
gemacht und – bislang -
keinen Anlass es zu ändern.
Dieses Fasten hat für mich eine existentielle
und zugleich
gesellschaftliche Bedeutung. Es ist meine Art, wie ich auf mehrere
äußerst
erschreckende und zusammenhängende Entwicklungen antworte:
- die Bedrohung der Menschheit und allen Lebens
durch den
Bau, die Anwendung und Androhung von Atombomben,
- die Missachtung des geltenden Völkerrechts
auch von meiner
Bundesregierung, die den Tenor des Gutachtens des Internationalen
Gerichtshofes
von Den Haag vom 8. Juli 1996 zur Androhung und Anwendung von
Atomwaffen bis
heute verachtet,
- die Missachtung des Nichtverbreitungsabkommen
durch die
deutsche Bundesregierung und die fünf mit Vetorecht ausgestatteten
Atommächte,
die entgegen der darin eingegangenen Verpflichtung alle Atomwaffen
auf null
abzurüsten nichts in diese Richtung getan haben; sie haben im
Gegenteil
mitverursacht, dass es inzwischen neun atomwaffenführende Staaten
gibt,
- der Krieg in der Ukraine, der hätte
verhindert werden können,
wenn der Perspektivwechsel vollzogen worden wäre, die Lage auch
einmal mit
russischer Brille zu sehen: Eine neutrale Ukraine mit einer
Anbindung an die EU
nach dem Vorbild der Schweiz wäre für niemanden eine Katastrophe;
die vielen
seit Beginn des Krieges ums Leben gekommenen Zivilisten und
Soldaten auf beiden
Seiten hingegen schon,
- das Sterben von weltweit jährlich ca. 30.000
bis 40.000 Menschen,
vor allem Kinder, weil sie nicht rechtzeitig sauberes Wasser und
Medikamente
erhalten und dies, nicht weil die Mittel dafür nicht zur Verfügung
stünden,
sondern weil der politische Wille dazu fehlt; Geld und Gaben, die
für das
Militär und speziell für
Atomwaffen zur
Verfügung stehen, fehlen im Einsatz für das Leben,
- die Gleichgültigkeit, mit der die Mehrheit
der deutschen
und europäischen Bevölkerung die Bedrohung des Lebens durch
Atomwaffen
hinnimmt,
- die Routiniertheit, mit der Soldaten ihren
Dienst in der
Bundeswehr leisten und sich bislang mit wenigen Ausnahmen weigern
offen gegen
Atomwaffen Stellung zu beziehen; die interne Ablehnung scheint –
vielleicht
auch durch diese Fastenaktionen – gestiegen zu sein; entscheidend
ist jedoch
die faktische Ablehnung, die niemand im Voraus weiß; die sicherste
Variante ist
es jedoch, überhaupt nicht über Atomwaffen zu verfügen,
- die Profiteure und Profiteurinnen dieser
Entwicklungen,
die mit ihrer Macht, ihren Beziehungen und ihrem Wissen
verhindern, dass sich
an dieser Situation etwas ändert.
Diese, jede für sich bereits bei rechter und
ruhiger
Betrachtung bereits zu Tode erschreckenden Entwicklungen, kann ich
seitdem ich
Militärpfarrer in der Bundeswehr war und zu meinem Bereich die
Kommandozentrale
in Birkenfeld für das atomar bestückte Jagdbombergeschwader 33 in
Büchel gehörte, nicht mehr
aus meinem Leben verdrängen. Ich verspüre todbringende Kräfte, die
nicht nur
mich, sondern die ganze Welt bedrohen.
Diesen todbringenden Kräften setze ich die
Leidenschaft für
das Leben entgegen. Das bedeutet für mich, sich allein gewaltfrei
mit den
todbringenden Kräften auseinander zu setzen. Diese Leidenschaft
für das Leben
rührt für mich von Jesus von Nazareth her. Durch das, was von ihm
überliefert
wurde, ist mir deutlich geworden, dass das Leben nicht vom Tod
begrenzt wird –
das würde allen todbringenden Kräften eine gewisse Legitimation
verschaffen -, sondern
dass der Tod vom Leben begrenzt wird: Denn Leben kommt vom Leben.
Die Botschaft
vom Leben Jesu und seinem Wirken, von seiner Hinrichtung und
seiner
verwandelnden körperlich-leiblichen Gegenwart als Kreis seiner
Freundinnen und
Freunde, haben mich dafür empfänglich gemacht, mich mit diesen
genannten
todbringenden Kräften auseinander zu setzen. Ich bringe in
Anschlag, was Jesus
bewegt hat, Menschen aufzurufen, Gewalt zu unterbrechen – „tut
Buße“ –
umzukehren und anders und neu anzufangen – „denn das Himmelreich
ist nahe
herbei gekommen“. Das ist das Wirken der Güte.
Die Leidenschaft für das Leben äußert sich
darin, dass ich
durch dies politische Fasten ins gesellschaftliche Aus trete.
Essen und Trinken
gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Sie haben
gesellschaftliche
Bedeutung. Sie tragen mit dazu bei, eine Grundsolidarität aller
miteinander
innerhalb dieser Gesellschaft erlebbar zu machen.
Der Ausschluss hungernder Menschen, der durch
Krieg und
Aufrüstung praktizierte Ausschluss von Menschen, die
Verunmöglichung von einem
Leben ohne die tägliche Bedrohung durch Atomwaffen – diese
todbringenden
Ausschlussmechanismen werden mit dem öffentlichen Fasten sichtbar.
Das Betreten
des gesellschaftlichen Aus kennzeichnet die benannten alltäglichen
Gewohnheiten
als todbringend.
Es wird deutlich, dass es etwas gibt, das
wichtiger ist als
Essen und Trinken, nämlich die Leidenschaft für das Leben, die
Ermutigung
Gewalt zu unterbrechen – „tut Buße“ -, umzukehren und in
Gemeinschaft neu und
anders anzufangen.
Fastenzeiten in vielen verschiedenen Weisen
sind in vielen
Religionen üblich. Sie finden zu bestimmten Zeiten und in
Gemeinschaft statt.
Die damit wahrgenommene Auszeit wird begrenzt durch ein
abschließendes Fest.
Das Fest, das wir mit diesem politischen Fasten erstreben, ist der
Abzug aller
Atomwaffen aus Deutschland.
Damit unterscheidet sich dieses Fasten auch
grundlegend und
im Detail von einem Hungerstreik. Dieser übt Zwang aus, indem die
Durchsetzung
einer Forderung von der Fortexistenz des eigenen Lebens abhängig
gemacht wird, die
Verweigerung dieser Forderungen mit dem bewusst in Kauf genommenen
Ende des
eigenen Lebens verknüpft wird.
So verständlich dies im Einzelfall sein mag –
s.
Klimahungerstreik 2021 in Berlin und Brief der Fastenaktion an die
Klimastreikenden–
es ist
nicht gewaltfrei und steht in Gefahr die Leidenschaft für das
Leben zu
verlieren.
Solch ein Hungerstreik vermag u. U. viel
Aufmerksamkeit auf
sich zu ziehen. Es bleibt fraglich, inwieweit auch die
Motivationskerne
erreicht werden, warum Menschen so und nicht anders handeln. Genau
diese
Motivationskerne werden mit dem Fasten anvisiert: Dass Menschen
von sich aus
sich von der Gewalt der todbringenden Kräfte abkehren und die
Leidenschaft für
das Leben in ihrem Leben wirken lassen.
Während dieser Fastenaktion ist mir zusätzlich
deutlich
geworden: Der Gewaltglaube, der Glaube sich mit Gewalt verteidigen
zu müssen
und zu meinen, mit Gewalt Probleme „lösen“ zu können, hat
Suchtcharakter. Gewalt
ist gesellschaftlich tief vor allem in den Familien verankert. Es
ist in meinen
Augen verhängnisvoll, dass in der Diskussion um Gewalt zwar die
individuelle, strukturelle und
kulturelle Gewalt in den Blick genommen wird, aber nicht die
familiäre Gewalt,
die mit allen dreien zu tun hat und doch etwas Eigenes ist. Die
familiäre Gewalt und ihre Überwindung wird m. W.
menschheitsgeschichtlich
zum ersten Mal im Alten Testemant in der Jakob-Esau-Novelle, 1.
Buch Mose
Kapitel 25,19-33 thematisiert. Gewaltfreiheit in der Familie hat
darum enorme gesellschaftliche
Auswirkungen. Zusätzlich gibt es gesellschaftlich-politische
Strukturen,
Abhängigkeiten von der Rüstungsindustrie, die daran interessiert
sind, dass diese ihre
Waffen verkaufen kann und bei jedem Krieg die Profite höher
schraubt. Diese
doppelte Verankerung des Gewaltglaubens, in der Familie und in der
Gesellschaft,
führen m. E. zu einer suchtartigen Abhängigkeit: Man benötigt die
Gewalt für
sein eigenes Wohlbefinden. Ohne einen Gewaltentzug – um im Bild
der
Suchtbehandlung zu sprechen -, einen Gewaltentzug in der
familiären Gewalt und
einen Gewaltentzug im gesellschaftlich-politischen Raum, wird es
kaum gehen.
Wie dieses gestaltet werden kann, ist mir gegenwärtig noch unklar. Zu solch einem Entzug ist
aber
erfahrungsgemäß erst dann die Bereitschaft da, wenn ein
Zusammenbruch voraus
gegangen ist. So wie es Thornton Wilder in seinem Theaterstück
„Wir sind noch
einmal davongekommen“ schildert, in dem nach jedem Krieg die
Überlebenden
schwören „Nie wieder Krieg“, aber kurze Zeit später den nächsten
vorbereiten.
Wenn diese familiär-gesellschaftliche Gewaltsucht nicht durch
einen
Gewaltentzug durchbrochen wird, ist es m. E. kaum möglich, hier
dauerhaft etwas
zu verändern. Es sei denn, wir finden dennoch Wege, damit
anzufangen. Das Thema
der 12. Fastenaktion des vergangenen Jahres „Unterbrechen von
Gewalt- Tut Buße!
Kehr um!“ ging auch schon in die Richtung dieser Thematik.
Was jetzt aber schon möglich ist, ist, dass
Menschen, die der
Gewalt absagen, sich zusammentun und sich darüber austauschen, wie
ihr
Gewaltentzug aussah. Von Jesus wird überliefert, dass er – bevor
er öffentlich
auftrat – sich 40 Tage in die Wüste zurückzog und dort fastete.
Ich verstehe
dies als vollständigen Gewaltenzug, eine Entgiftung von allem
Todbringenden.
Eine Chance dazu kann auch diese Fastenaktion
sein, im
persönlichen, gesellschaftlichen und internationalem Bereich, mit
der
Leidenschaft für das Leben dem Todbringenden zu wehren.
Ich wünsche Euch eine gute Zeit!
Euer Matthias
Köln-Merkenich, am Mittwoch, den 3. August
2022, am 10.
Fastentag der 13. Fastenaktion bis zum Abzug aller Atomwaffen aus
Deutschland,
fastenkampagne.blogspot.com
https://padlet.com/distelwenk/p2w8c334jlemy4wv