Mittwoch, 5. August 2020

die andere zeit - Interview

INTERVIEW
Eine Frage, Herr Engelke ...

In diesen Tagen jähren sich die Atombomben-Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki zum 75. Mal.

Pfarrer Dr. Matthias-W. Engelke ist ehemaliger Militärseelsorger, Friedensforscher und heute Geschäftsführer  des Förderkreises Darmstädter Signal. Seit 11 Jahren organisiert er mit Gleichgesinnten aus der Regionalgruppe des »Internationalen Versöhnungsbundes Cochem-Zell/Initiativkreis gegen Atomwaffen« regelmäßig Fastenaktionen für eine atomwaffenfreie Welt, insbesondere für den Abzug der US-Atomwaffen aus dem Bundeswehr-Fliegerhorst Büchel. Auch in diesem Jahr werden Engelke und andere Friedensaktivisten wieder vor den Toren des Fliegerhorsts sein.

Herr Engelke, als Sie mit Ihrer Aktion gestartet sind, haben Sie angekündigt, dass Sie jedes Jahr einen Tag länger fasten werden, solange in Deutschland noch Atomwaffen lagern. Wie lange fasten Sie dieses Jahr? 

Die diesjährige öffentliche internationale Fastenaktion für den Abzug der Atomwaffen der Vereinigten Staaten von Amerika aus Deutschland hat am 26. Juli begonnen und endet nach einem 24-stündigen Dauergebet mit  der Gedenkminute an die Vernichtung Nagasakis um 11.02 Uhr am 9. August. Nagasaki soll die letzte Stadt sein, die durch eine Atombombe zerstört wurde. Darum beginnt das Fasten jedes Jahr einen Tag eher. Das werden insgesamt etwa dreizehneinhalb Tage sein.

Glauben Sie, wir werden noch eine atomwaffenfreie Welt erleben? Oder ist das eine zu naive Hoffnung? 

Wenn nicht einmal Friedenswillige dies erwarten, wer dann sonst? Wollen wir die Hoffnung auf Frieden und eine atomwaffenfreie Welt der Rüstungsindustrie und denjenigen, die vom Status quo profitieren, überlassen? 
Atombomben sind Massenvernichtungswaffen, sie gehören geächtet. Die sogenannte nukleare Abschreckung droht massenhafte Vernichtung an. Wir fordern, dass die Bundesregierung dem Atomwaffenverbotsvertrag beitritt. Das kann sie noch vor der nächsten Bundestagswahl! 
Russland hat im Zuge der Wiedervereinigung alle Atomwaffen aus der damaligen DDR abgezogen. Das gleiche haben die Vereinigten Staaten von Amerika aus West-Deutschland zu tun.

Weltweit geht es in eine andere Richtung: Abrüstungsverträge werden gekündigt, das atomare Arsenal wird modernisiert und in militärischen Planspielen wird auch mal über den taktischen Einsatz von kleinen Atomwaffen nachgedacht. Und die Öffentlichkeit scheint  sich nicht mehr für Friedenspolitik zu interessieren. Was gibt Ihnen angesichts dieser Entwicklung Kraft, nicht fatalistisch zu werden? 

Wahrheit und Liebe können nicht ermordet, nicht einmal zum Schweigen gebracht werden, ansonsten werden die »Steine schreien« (Lukas 19,40): Man wird von den Folgen ihrer Verleugnung überrollt, siehe Klimakatastrophe.  Darum ist es unverzichtbar, dass Menschen, ob in kleinen Gruppen oder zu mehreren, auf die Straße gehen und einfordern: Wir haben ein Recht auf Frieden und körperliche Unversehrtheit. Die menschengemachte nukleare Energie, ob ziviler oder militärischer Art,  ist ein Verbrechen an der Menschheit. Wir wollen nicht mehr dem Tod dienen, sondern das Leben feiern.

Aus: die andere zeit 32/2020
Vgl.: https://www.anderezeiten.de/newsletter/newsletter-archiv

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