Mittwoch, 28. Oktober 2026

FriedensWeg - Atomwaffen weg! Zweite Etappe - Köln-Rodenkirchen-Wesseling am 26. September 2026 - Rede von Stephan Räder: Großindustrie und Atomwaffen

FriedensWeg – Atomwaffen weg! Zweite Etappe am 26. September 2026 von Köln-Rodenkirchen nach Wesseling

Wie gelingt es gegenwärtig Menschen auf die Straße zu bringen dafür, dass Deutschland atomwaffenfrei wird, indem Deutschland dem Atomwaffenverbotsvertrag beitritt?

Erfahrungen sammeln wir dazu mit der Aktion „FriedensWeg – Atomwaffen weg!“

Eine gute Woche zuvor wurden in Wesseling Handzettel verteilt, die auf diesen FriedensWeg hinweisen. Anders als auf dem Markt in Köln-Rodenkirchen bei der Vorbereitung der Ersten Etappe wurden diese in Wesseling wohlwollend aufgenommen, es ergaben sich kleinere Gespräche und die Resonanz war durchgehend positiv. Das ließ hoffen.

Zum Tag selbst versammelte sich eine kleine Crew friedensbewegter Menschen aus Köln und Dortmund. So herzlich, wie wir bei der Ersten Etappe von WiSü in Rodenkirchen empfangen wurden, so herzlich wurden wir dort jetzt verabschiedet.

 

Auftakt zum FriedensWeg - Atomwaffen weg! in
der WiSü Köln-Rodenkirchen


Der Weg führte zur Bundesstraße B 9, die entlang des Shell-Industrieparks zum Wesselinger Hafen an Industrieanlagen vorbei zur Innenstadt von Wesseling läuft. Auf der ersten Station referierte Stephan Räder, Greenpeace Friedens-AG Köln, über den Zusammenhang von Industrie und Atomwaffen.

 

An der B 9 nach Wesseling

Stephan Räder, Greenpeace Köln
 

Die Zweite Rast in Hafennähe galt persönlichen Absprachen u. a. für die Fortsetzung des FriedensWeges – Atomwaffen weg. Am Rathaus fand die Abschlussveranstaltung statt. Hier sang Markus Fröhlich für uns auf und der Widerstandchor „Grembi bleibt“, der bereits bei der Ersten Etappe im Gremberger Wäldchen gesungen hatte. Wesselinger Passanten stellten sich nicht extra ein.

Markus Fröhlich in Wesseling

Der Grembi-Chor singt!

Fazit: Die Gespräche während des FriedensWeges waren erneut wunderbar, ermutigend und erfrischend. Die Resonanz aus der übrigen Bevölkerung ließ zu Wünschen übrig…

 

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Großindustrie und Atomwaffen

Rede von Stephan Räder, Greenpeace Friedens-AG Köln
für den 26. September 2026, FriedensWeg – Atomwaffen weg! Zweite Etappe


Wenn wir an Atomwaffen denken, haben wir oft apokalyptische Bilder vor Augen: gigantische Pilzwolken, verbrannte Erde, Sirenen und die roten Knöpfe in den Schaltzentralen der Weltpolitik. Wir sehen Nuklearwaffen gerne als reine Instrumente der Geopolitik, als Spielsteine in den Händen von Staatschefs und Militärs.

Doch das greift zu kurz.

Keine Atomwaffe existiert bloß als politischer Gedanke. Jede Bombe, jeder Sprengkopf und jedes Trägersystem sind vor allem Produkte menschlicher Arbeit. Sie entstehen durch komplexe Lieferketten, Fabriken, Präzisionsmaschinen, Rohstoffabbau und hochentwickelte Ingenieurskunst.

Hinter jeder nuklearen Bedrohung steht ein gigantischer industrieller Apparat. Atomwaffen und Industrie sind seit ihrem ersten Tag untrennbar miteinander verbunden – und genau über diesen Zusammenhang möchte ich heute sprechen.


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Erinnern wir uns an den Beginn des Atomzeitalters: Das Manhattan-Projekt in den 1940er-Jahren war kein kleines Physiker-Experiment in einer Werkstatt. Es war eines der größten industriellen Großprojekte in der Geschichte der Menschheit. Damals arbeiteten bis zu 150.000 Menschen direkt oder indirekt an diesem Vorhaben. Zwischen 1942 und 1945 beliefen sich die Kosten auf umgerechnet rund 33 Milliarden US-Dollar.

Dafür entstanden geheime Industriestädte wie Oak Ridge und Hanford. Oak Ridge zum Beispiel war bis 1949 auf keiner Landkarte verzeichnet. Die Wissenschaftler, Arbeiter und ihre Familien durften weder über ihre Arbeit noch über den Wohnort mit Außenstehenden sprechen. Hunderttausende Arbeiter, Zulieferer, Chemiewerke und Maschinenbauer waren beteiligt – oft ohne zu wissen, woran sie tatsächlich arbeiteten. Die Bombe entstand nicht nur im Geist von Robert Oppenheimer; sie wurde von der amerikanischen Schwer- und Chemieindustrie gebaut.

Schon US-Präsident Dwight D. Eisenhower warnte 1961 bei seinem Abschied vor den Gefahren des „militärisch-industriellen Komplexes“. Er erkannte früh: Wird die Rüstungsindustrie zu einem festen Wirtschaftsfaktor, entwickelt sie ein Eigenleben. Waffen werden dann nicht mehr nur produziert, weil eine Bedrohung besteht, sondern weil Arbeitsplätze, Bilanzen und Forschungsbudgets davon abhängen.

 

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Heute geht es längst nicht mehr nur um Uranminen und klassische Fabriken. Die nukleare Rüstung im 21. Jahrhundert ist eine Hightech-Industrie:

• Ohne hochmoderne Mikroelektronik und Halbleiter trifft keine Interkontinentalrakete ihr Ziel.

• Viele Technologien, die wir für zivile Zwecke entwickeln – von künstlicher Intelligenz über Raumfahrt bis zu Präzisionswerkzeugen – lassen sich auch militärisch nutzen. Die Grenze zwischen ziviler und militärischer Industrie verschwimmt immer mehr.

• Weltweit fließen derzeit hunderte Milliarden Euro in die Modernisierung nuklearer Arsenale. Dieses Geld landet direkt bei Konzernen, Zulieferern und Ingenieurbüros des militärisch-industriellen Komplexes.

Die Industrie ist der Motor, der das nukleare Wettrüsten antreibt. Ohne industrielle Fertigungskompetenz gibt es keine Abschreckung – aber ohne kritische Reflexion wird die Industrie zum Handlanger einer möglichen Selbstauslöschung.

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Das führt uns zur entscheidenden Frage unserer Zeit: Welche Verantwortung trägt die Industrie?

Kann sich ein Unternehmen darauf zurückziehen, nur „technischer Dienstleister“ zu sein? Reicht es zu sagen: „Wir liefern nur Präzisionsbauteile, was die Politik damit macht, geht uns nichts an“?

Nein. Wer Bauteile herstellt, mit denen im Ernstfall Millionen Menschenleben vernichtet werden können, trägt eine ethische Mitverantwortung.

Gleichzeitig erleben wir eine Welt, in der geopolitische Spannungen zunehmen. Viele fordern gerade jetzt mehr industrielle Wehrhaftigkeit und Abschreckung, um Sicherheit und Freiheit zu schützen.

Ist die Rüstungsindustrie tatsächlich ein Garant für Abschreckung und Frieden? Oder erzeugen industrielle Gewinninteressen und ständige Modernisierungswellen erst die Unsicherheit, vor der wir uns fürchten?


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Wenn Rüstung ein industrieller Prozess ist, dann muss auch Abrüstung ein industrialisierter Prozess werden. Nukleare Abrüstung ist kein romantischer Wunschtraum, der allein durch Appelle Wirklichkeit wird. Sie erfordert handfeste, methodische Voraussetzungen:

1. Abrüstung scheitert fast immer am Misstrauen. Man kann nukleare Sprengköpfe nicht einfach per Handschlag abbauen. Dafür braucht es lückenlose Kontrollmechanismen, Satellitenüberwachung, Vor-Ort-Inspektionen und unabhängige Organisationen wie die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO). Vertrauen entsteht erst dort, wo Kontrolle verlässlich funktioniert.

2. Einen nuklearen Sprengkopf unschädlich zu machen, ist hochkomplexe Ingenieursarbeit. Abrüstung heißt, dieselbe industrielle Präzision für den Rückbau einzusetzen, die zuvor für den Aufbau genutzt wurde. Das Megatons-to-Megawatts-Programm hat dies zwischen 1993 und 2013 realisiert. Aus russischen Atomsprengköpfen wurden damals Brennstäbe für amerikanische Kernkraftwerke. Die USA zahlten dafür 17 Milliarden US-Dollar.

3. Abrüstung braucht klare völkerrechtliche Leitplanken. Sicherheit darf nicht länger als Nullsummenspiel verstanden werden, bei dem die Aufrüstung des einen zwingend die Unsicherheit des anderen bedeutet.

4. Wirtschaftliche Alternativen schaffen: Ganze Regionen und Industriezweige hängen heute an nuklearen Wartungs- und Modernisierungsbudgets. Solange Ingenieure, Zulieferer und Standorte befürchten müssen, mit dem Ende eines Rüstungsprogramms ihre wirtschaftliche Existenz zu verlieren, entsteht eine unsichtbare Lobby gegen den Frieden. Eine glaubwürdige Abrüstungsstrategie braucht deshalb Konversionspläne – zivile Zukunftsprojekte, in die hochspezialisiertes Ingenieurswissen und Fertigungskapazitäten einfließen können.

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Damit komme ich zum Schluss meiner Rede: Wir müssen die Technologie als Dienst am Leben begreifen.

Die Industrie, die Sprengköpfe wartet und Hyperschallraketen baut, besitzt auch das Know-how, um die Energiewende zu bewältigen, die Raumfahrt voranzubringen und medizinische Wunder zu ermöglichen.

Technologie ist niemals neutral – sie spiegelt den Willen derer wider, die sie in Auftrag geben und herstellen.

Lasst uns den Zusammenhang zwischen Industrie und Atomwaffen nicht länger als rein militärisches Geheimnis abtun. Schauen wir genau hin. Diskutieren wir über Rüstungskontrolle, über ethische Lieferketten und die Frage, wie wir den Erfindergeist unserer Ingenieure und die Kraft unserer Wirtschaft nutzen wollen:

Als Werkzeug zur Zerstörung – oder als Fundament für eine sichere und nachhaltige Zukunft.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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